Mehr Angebot allein verändert noch kein Verhalten
Seit 2024 sind 431 europäische Städte verpflichtet, sogenannte „Pläne für nachhaltige urbane Mobilität“ (SUMP) zu verabschieden. Zwei Jahrzehnte hat es gedauert, bis nachhaltige Mobilitätsplanung im Rahmen der TEN-V-Verordnung verbindlich wurde. Die EU hat zwischen 2014 und 2027 rund 60 Milliarden Euro für entsprechende Maßnahmen bereitgestellt. Das ist kein symbolischer Betrag – das ist eine politische Ansage.
Doch der nun veröffentlichte Bericht des Europäischen Rechnungshofs zeigt: Es reicht nicht.
Die Prüfer analysierten unter anderem sechs Ballungsräume – darunter Lissabon, Prag und Lille – und kamen zu einem ernüchternden Ergebnis: Auch zu Hauptverkehrszeiten sind deutlich mehr Gebiete innerhalb von 45 Minuten mit dem Auto erreichbar als mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder multimodal mit dem Rad.
Das ist der entscheidende Punkt. Solange das Auto schneller, bequemer oder planbarer bleibt, wird es genutzt. Mobilitätsverhalten ist selten ideologisch – es ist pragmatisch.
Zwar wurden vielerorts Regionalzüge verbessert, Straßenbahnnetze ausgebaut, Radwege in Richtung Innenstadt geschaffen und multimodale Knotenpunkte errichtet. Doch die Maßnahmen zielten laut Bericht stärker auf die Verbesserung des Angebots als auf die Reduktion des Autoverkehrs. Zugangsbeschränkungen, Parkraummanagement, finanzielle Anreize zur Reduzierung von Autofahrten? Zu selten, zu zögerlich, zu inkonsequent.
Wer nur Alternativen stärkt, ohne das bestehende System zu verändern, stabilisiert am Ende das Auto als Referenzmaßstab.
Planung ohne Realitätssinn
Besonders kritisch ist, was die Prüfer zur Qualität der Mobilitätspläne sagen. Pendlerströme wurden nicht immer korrekt berücksichtigt, viele Pläne orientieren sich stur an Verwaltungsgrenzen – obwohl Mobilität sich nicht an Stadtgrenzen hält.
Ein Radweg, der an der Stadtgrenze endet.
Eine Park-and-Ride-Anlage ohne ausreichende Auslastung.
Projekte, die formal umgesetzt wurden – aber die Bedürfnisse der Pendler nicht erfüllen.
Das sind keine Randnotizen, das sind Systemfehler.
Wenn Mobilitätsplanung nicht mit Raumplanung verzahnt wird – also mit der Frage, wo gewohnt, gearbeitet und konsumiert wird – bleibt sie Stückwerk. Die Prüfer des Rechnungshofs weisen explizit darauf hin, dass Stadt- und Verkehrsplanung Hand in Hand gehen müssen. Genau hier liegt seit Jahren das strukturelle Defizit vieler Kommunen.
Lokale Politik entscheidet – nicht Brüssel
Carlo Alberto Manfredi Selvaggi vom Rechnungshof bringt es in einer aktuellen Pressemitteilung auf den Punkt: Die EU fördert nachhaltige Mobilität, doch entscheidend sind die Anstrengungen auf lokaler Ebene.
Das ist unbequem. Denn es entlässt niemanden aus der Verantwortung.
Nicht „die EU“ blockiert Verkehrswende-Projekte.
Nicht „Brüssel“ verhindert flächendeckende Radinfrastruktur.
Nicht „Europa“ zwingt Städte, Parkplätze unangetastet zu lassen.
Die Mittel sind da. Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind da. Die Klimaziele sind formuliert. Was fehlt, ist oft der politische Mut, Nutzungskonflikte offen auszutragen.
Denn eine echte Verkehrswende muss immer auch bedeuten: weniger Raum für das Auto.
Nachhaltige Mobilität heißt auch: Prioritäten verschieben
Als Plattform für Radmobilität erleben wir diese Debatte täglich. Neue Radwege werden gefeiert – doch sobald Parkplätze weichen oder Durchfahrtsbeschränkungen diskutiert werden, kippt die Stimmung. Dabei ist genau das der Hebel.
Der Bericht des Rechnungshofs bestätigt, was viele Verkehrsplaner seit Jahren sagen: Ohne restriktive Maßnahmen bleibt das Auto strukturell im Vorteil.
Es geht nicht um Verbote aus Prinzip. Es geht um Fairness im öffentlichen Raum. Jahrzehntelang wurde Infrastruktur primär für den motorisierten Individualverkehr optimiert. Wer nachhaltige Mobilität ernst meint, muss diese Priorisierung korrigieren. Städte wie Paris machen vor, wie es geht.
Fazit: Die Verkehrswende scheitert nicht am Geld – sondern am Mut
Der Sonderbericht 05/2026 zeigt: Es geht voran. Projekte werden umgesetzt, Netze ausgebaut, Gelder investiert. Aber der systemische Wandel bleibt halbherzig. Solange Städte nachhaltige Mobilität fördern, ohne die Attraktivität des Autos spürbar zu reduzieren, wird sich das Pendlerverhalten nur langsam verändern. Klimaziele, Luftqualität, Lebensqualität – all das hängt davon ab, ob Kommunen bereit sind, klare Prioritäten zu setzen. Die EU hat geliefert. Jetzt sind die Städte am Zug.
Was denkt ihr? Brauchen wir in euren Städten mehr Mut zur Begrenzung des Autoverkehrs? Reicht bessere Infrastruktur – oder müssen Parkraum, Zufahrten und Privilegien des Autos konsequenter reduziert werden?
16 Kommentare
» Alle Kommentare im Forumich denk wir brauchen allen einen Sinn für sinnvolles Verhalten,
dann kommen wir alle nen Stück besser in täglichen Infrastrukturkampf mit einander klar.
aber es bleibt oft die Frage warum :
-nutz ich den guten Radweg nicht
-überhol ich den Radler auf breiter Straße mit knappen Abstand
-park ich auf breiter Strasse Rad/Gehweg zu
-drängel ich mich rechts an der wartenden Autoschlange vorbei
-vertraue ich auf Popup Radwege u. Fahrradstrassen
-verzichte auf sauberes Licht u. Refektoren
-nutze den rechten Rückspiegel nicht
......
beharre auf mein Recht und bleib im Schadensfall auch schuldlos auf eigenen Kosten sitzen ?!
Ich habe hier auf Straße, die für 30km/h begrenzt, sind die schlimmsten Erfahrungen gemacht. Es steckt einfach in den Köpfen vieler drin, dass Alles was nicht Auto ist, im Weg ist. Auch wenn es 30km/h fährt.
Ein Auto kann halt nunmal schneller als 30, 25 oder 15 km/h fahren.
Daher ist ein Radfahrer, ein Rollerfahrer, ein Scooter etc ein Hindernis ist.
Genau so wie ein Traktor auf Landstraßen.
Oder ein Fahrschulauto vor einem.
Wo es möglich ist, wäre eine Trennung für KFZ, Radfahrer und Fußgeher besser, sicherer und angenehmer.
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