Auf der Eurobike 2026 präsentierte das Team von Women in Cycling Germany eine Studie, die in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut IFH Köln durchgeführt wurde. Ziel war es, das Potenzial zu quantifizieren, das für die Fahrradindustrie in der weiblichen Bevölkerung schlummert. Doch auf den 70 (!) Seiten werden darüber hinaus Expert:innen befragt, Wachstumshebel identifiziert und erste Impulse gesetzt, wie man diese auch bedienen könnte.
In dieser Nimms Rad Podcast-Folge analysiert Host Sissi Pärsch die Studie mit Dominique Lellek, einer der Initiatorinnen.
Drohende Stagnation bis 2030
Das bisherige Wachstum innerhalb der Branche – das haben wir die vergangenen Jahre leidvoll erleben müssen – ist nicht mehr selbstverständlich. Die IFH-Prognose erkennt bis zum Jahr 2030 praktisch kein Wachstum für den Gesamtmarkt (Fahrräder plus Zubehör, Bekleidung, Service etc.). Entsprechend gilt es für die Industrie, aktiv neue Zielgruppen zu erschließen.
Zu häufig gehen wir davon aus, dass unsere Sicht auf Mobilität, Produkte und Kaufentscheidungen die Norm ist. Damit sprechen wir vor allem Menschen an, die uns ohnehin schon ähnlich sind – und übersehen viele andere. Doch genau hier entsteht Wachstum: wenn wir neue Zielgruppen für das Fahrrad begeistern und bestehende Barrieren abbauen.
Frauen als Wachstumstreiber
Frauen machen 51 % der Bevölkerung aus, erwirtschaften bisher allerdings nur 38 % des Fahrradumsatzes. Erschließt man mehr Radfahrerinnen, könnten bis 2030 zusätzliche Einnahmen von 520 bis 950 Mio. Euro generiert werden. Bei einer vollständigen Angleichung des Kaufverhaltens von Frauen an das von Männern ergäbe sich rechnerisch sogar ein Potenzial von rund 3,3 Mrd. Euro. Was aber braucht es dafür?
Alltag und Sicherheit
Frauen nutzen das Fahrrad laut Studie deutlich stärker alltagsbezogen als Männer. Die sportliche Nutzung spielt hingegen noch eine eher untergeordnete Rolle. Entsprechend dominieren bei den Fahrradtypen City-Bikes und E-City-Bikes klar vor Mountain-, Trekking- oder Rennrädern. Die Studie zeigt außerdem, dass Sicherheit bei Frauen eine entscheidende Rolle spielt und sie weniger technikgetrieben und stärker vertrauens-, beratungs- und erlebnisorientiert sind:
- 49 % der Frauen (gegenüber 33 % der Männer) fühlen sich im Straßenverkehr unsicher.
- 56 % der Frauen (gegenüber 37 % der Männer) geben an, dass Sicherheit ein wichtiges Kaufkriterium ist.
- Die Ergonomie spielt ebenfalls eine überdurchschnittlich große Rolle: 48 % der Frauen legen Wert auf eine optimale Anpassung des Rads.
- 58 % informieren sich persönlich im Geschäft, 51 % zusätzlich im privaten Umfeld.
- Frauen stehen einem Gebrauchtradkauf offener gegenüber (64 % gegenüber 56 % bei Männern).
- Beim Dienstrad-Leasing sind Frauen bislang unterrepräsentiert: Nur 0,2 Mio. Frauen haben 2025 ein Rad geleast, gegenüber 0,5 Mio. Männern. Auch auf diese Diskrepanz gehen Sissi und Dominique ein.
5 Radfahrerinnen-Typen
Die Studie identifiziert fünf unterschiedliche Typen von Fahrradfahrerinnen, die sich vor allem in ihrer Motivation, Nutzung und den jeweiligen Barrieren unterscheiden:
- Passion Driven Rider (18 %): stark involvierte Vielfahrerinnen mit hoher Technik- und Markenaffinität.
- Safety-Seeking Rider (26 %): hohe Motivation, aber ausgebremst durch Sicherheitsbedenken und Infrastruktur. Wachstumspotenzial: sehr hoch.
- Service-Oriented Rider (23 %): aktive Alltagsfahrerinnen, stark abhängig von Beratung und Unterstützung. Wachstumspotenzial: sehr hoch.
- Inconsistent Rider (9 %) nutzen das Rad situativ, aber ohne feste Priorisierung.
- Low-Involvement Rider (24 %) zeigen ein geringes Interesse und kaum emotionale Bindung.
Die Safety-Seeking und Service-Oriented Rider machen zusammen fast die Hälfte aller Frauen aus und tragen bislang nur unterproportional zum Marktvolumen bei.
Ansatzpunkte für die Branche
Die befragten Expert:innen aus Industrie und Handel (u.a. von Riese & Müller, Giant, Lucky Bike, i:SY, HEPHA, JobRad, Bikeleasing und e-motion) bringen ähnliche Stoßrichtungen vor – und die verweisen in erster Linie auf eine neue Ansprache, Beratung und Produktgestaltung:
- Bei Produkten und in der Ansprache die Komplexität reduzieren: Angebote aus der Nutzungsperspektive statt aus der Technikperspektive denken.
- Sicherheitsaspekte aktiv kommunizieren.
- Den Fachhandel als Vertrauensanker stärken – durch Beratung, Probefahrten und langfristige Kundenbeziehungen statt reinem Produktverkauf.
- Zubehör und Service als integralen Bestandteil des Angebots wahrnehmen
- Zielgruppen differenziert statt pauschal ansprechen – über passende Kanäle, Kooperationen und ohne Klischees.
Women in Cycling Germany und die IFH Köln machen mit ihrer Studie deutlich, dass es keineswegs an Interesse mangelt. Was hingegen fehlt, sind Sicherheit, Vertrauen, passende Angebote und vor allem eine entsprechende Neuausrichtung der Kommunikation.
Die vollständige Studie „Frauen – der unterschätzte Wachstumshebel“ steht unter https://www.velostiftung.de/women-in-cycling/ zum Download bereit.
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