Leitmesse adé?
Die offiziellen Pressemitteilungen zeichnen wieder ein positives Bild der Eurobike 2026. Innovationen, internationale Aussteller und eine erfolgreiche Messe stehen dort im Mittelpunkt. Wer jedoch zwei Tage durch die Hallen in Frankfurt lief, dürfte einen anderen Eindruck gewonnen haben, denn die ehemalige Leitmesse der Fahrradbranche war 2026 kleiner denn je. Aus der ehemaligen Leitmesse wurde eine Lightmesse oder, wenn man besonders kritisch sein möchte, eine Leidmesse. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider:
| 2026 | 2025 | 2024 | 2023 | 2022 | 2021 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Fachbesucher | 15.130 | 31.270 | 35.080 | 34.750 | 33.780 | 18.770 | 39.834 | 37.379 | 42.590 | 42.720 | 45.870 | 46.300 | 45.200 | 43.700 |
| Aussteller | 800 | 1.500 | 1.800 | 1.900 | 1.500 | 630 | 1.400 | 1.400 | 1.400 | 1.350 | 1.350 | 1.320 | 1.280 | 1.250 |
| Medienschaffende | 600 | keine Angabe | keine Angabe | keine Angabe | keine Angabe | keine Angabe | 1345 | keine Angabe | 1.654 | 1.700 | 2.000 | 1.842 | 1.883 | 1889 |
| Besucher Publikumstag(e) | 8.970 | 30.420 | 33.090 | 31.840 | 27.370 | 13.424 | 21.240 | 0 | 22.160 | 34.400 | 20.730 | 21.100 | 20.400 | 20.500 |
| Ort | Messe Frankfurt | Messe Frankfurt | Messe Frankfurt | Messe Frankfurt | Erstmalig Messe Frankfurt | Messe Friedrichshafen | Messe Friedrichshafen | Messe Friedrichshafen | Messe Friedrichshafen | Messe Friedrichshafen | Messe Friedrichshafen | Messe Friedrichshafen | Messe Friedrichshafen | Messe Friedrichshafen |
Aus den einst prall gefüllten Messehallen sind inzwischen drei Hallen geworden, die zwar hochwertig gestaltet, gleichzeitig aber erstaunlich luftig bespielt wurden. Breite Gänge, viel Freifläche und zahlreiche Bereiche, in denen man sich fragte, ob hier nicht noch ein weiterer Stand hätte stehen können. Dazu kommt ein Leitsystem, das die Besucherströme gezielt von den Galerie-Gängen fernhält und durch die Hallen schickt. Selbst auf den Hauptrouten des Besucherstroms ist von der Aufbruchsstimmung vergangener Jahre nur noch wenig zu spüren.
Natürlich gab es positive Ausnahmen: Canyon feierte ein eindrucksvolles Comeback auf der Eurobike und zeigte auf einem hervorragend inszenierten Messestand zahlreiche neue und innovative Bikes. Der Stand gehörte zweifellos zu den Highlights der Messe. Ebenso wie die Stände von Gobao – hier tanzte ein Roboter –, Raymon oder Rotwild – wo 30 Jahre Mountainbike-Historie zelebriert wurden. Doch genau diese Ausnahmen machten gleichzeitig deutlich, wer alles fehlte:
Viele große Fahrradhersteller blieben der Messe ebenso fern wie zahlreiche Komponenten-, Bekleidungs- und Motorenhersteller. Gerade für eine Veranstaltung, die sich selbst als internationale Leitmesse versteht, hinterlässt das Fragen. Besonders sichtbar wurde dies in Halle 12. Dort präsentierten Avinox und Gobao ihre neuesten Mittelmotoren mit integrierter Schaltung – zwei Hersteller aus Asien, die aktuell mit viel Innovationskraft auf den Markt drängen. Die Technik war spannend, die Stände gut besucht.
Und Bosch? Der Marktführer war schlicht nicht da. Noch vor wenigen Jahren wäre das kaum vorstellbar gewesen. Dass Bosch der Eurobike fernblieb und das Feld den neuen Wettbewerbern überließ, dürfte viele Besucher überrascht haben. Ob dies bereits Symbolcharakter besitzt oder lediglich eine strategische Entscheidung war, muss jeder für sich selbst beurteilen. Auffällig war es in jedem Fall.
Konkurrenz vom ehemaligen Top-Kunden
Zusätzliche Brisanz erhielt die Messe bereits wenige Tage vor ihrer Eröffnung. Mit der Ankündigung einer neuen Branchenveranstaltung in Köln für 2027 bekam die Eurobike plötzlich Konkurrenz. Zusammen mit dem deutschen Fahrradbranchenverband ZIV verkündete die Kölnmesse den Start einer eigenen Messe (ZIV startet European Bike Show in Köln). Die „towards tomorrow – European Bike Show“ soll schon im kommenden Jahr starten – und zwar ausgerechnet direkt im Anschluss an den Frankfurter Messetermin. Damit steht die Branche vor einer spannenden Entscheidung. Bleibt man einer Messe treu, die in den vergangenen Jahren sichtbar an Ausstellern und Bedeutung verloren hat? Oder wagt man den Neustart auf einem neuen Format in Köln? Sollte sich ein Großteil der Industrie für Letzteres entscheiden, könnte Frankfurt endgültig seine Rolle als wichtigste Fahrradmesse Europas verlieren.
Eurobike 2026 – aus unserer Perspektive
Eurobike – das hieß für mich seit fast zwei Jahrzehnten, dass nicht nur die gesamte Branche zusammenkommt, sondern auch die neuesten Bikes und Produkte vorgestellt werden. Insbesondere Letzteres fand gerade in diesem Jahr nur noch in sehr begrenztem Umfang statt. Kein Wunder: Die Zahl der Hallen wurde auf drei reduziert, die Zahl der teilnehmenden Marken und die Besucherzahlen brachen stark ein. Absurd im Vergleich zu den Vorjahren.
Während wir redaktionell daher nur einen Bruchteil des Contents der vergangenen Jahre produzieren konnten, änderte sich am zuerst genannten Punkt kaum etwas: Ein Großteil der wichtigen Personen aus der Branche kam dennoch zusammen. Auch wenn es nur wenige zentrale Treffpunkte gab, hat sich die Zahl meiner persönlichen Kontakte und Treffen vor Ort in diesem Jahr praktisch nicht reduziert. Und genau dort könnte und sollte man meiner Meinung nach anknüpfen: Dass sich die Branche trifft, ist extrem wichtig; dafür braucht es jedoch keine Eurobike. Ohne eine Fahrradmesse mit Strahlkraft würden allerdings alle verlieren. Will man ein wirklich wegweisendes Messeformat aufbauen, müssen meiner Meinung nach zwingend die wichtigsten Marken vor Ort sein. Zudem muss man sich die Frage stellen, welche Art von Messe man eigentlich haben will: eine B2B-Veranstaltung als Ergänzung zur eher B2C-fokussierten Cyclingworld? Einen stärkeren Fokus auf das Publikum oder auf Fachbesucher?
Dass der ZIV im kommenden Jahr in den direkten Showdown mit der Eurobike geht, sehe ich mit gemischten Gefühlen und einer gewissen Spannung. Für den ZIV gäbe es hinsichtlich der Deutungshoheit viel zu gewinnen, für beide Veranstaltungen aber auch einiges zu verlieren – sowohl was internationale Strahlkraft als auch Relevanz angeht. Die Eurobike in ihrer derzeitigen Form halte ich nicht für zukunftsweisend, gerade im Hinblick auf die geplante Umstellung auf einen zweijährigen Turnus.
Der September 2027 wird ein erster Fingerzeig dafür sein, ob die Branche künftig weiterhin nach Frankfurt reisen wird – oder ob das Rheinland mit Cyclingworld und European Bike Show zu einem neuen deutschen Zentrum der Fahrradmessen werden könnte.
Meine erste Eurobike hab ich vor ungefähr 15 Jahren besucht. Genau kann ich es nicht mehr sagen, aber was ich noch weiß ist, dass alle großen Marken da waren, teils mit Einlasskontrolle am Stand.
Damals gab es auch noch die IFMA in Köln quasi als Konkurrenz und mit weniger großen Marken. Die Eurobike hat sich durchgesetzt. Seitdem war ich auf jeder Eurobike. Erst ist die Messe immer weiter gewachsen und mit den eBikes gerade zu explodiert, in Friedrichshafen hat man immer flexibel reagiert. Halle um Halle dazu geholt oder zeitweise „gechartert“. Trotzdem blieb es immer familiär, weil es viele Treffpunkte direkt am Messegelände gab. Das änderte sich mit dem Wechsel nach Frankfurt.
Jetzt sind die Herausforderungen die wachsende Bedeutung der chinesischen Marken (noch ohne große Bekanntheit in Europa, aber das wird sich schnell ändern), immer mehr Mikro Mobilität, die beim klassischen Publikum auf wenig Interesse stößt, und wieder eine neue Konkurrenz aus Köln. Da die Kölner quasi schon eine Absage als internationale Messe und ans Publikumsformat formuliert haben, weil sie die asiatischen Hersteller weniger stark berücksichtigen wollen, wird es zentral sein, dass die Eurobike es schafft, wieder alle zurück in ihre Hallen zu holen. Egal in welcher Größe oder in welcher Form am wichtigsten ist, dass alle mit ihren Produkten irgendwo dort vertreten sind und es wieder eine richtige Leitmesse wird.
Mein erstes Mal Eurobike – und direkt mit gemischten Gefühlen. Viele Aussteller sind abgesprungen, die Messe kämpft sichtbar darum, noch etwas zu reißen. Trotzdem: Es war spannend, die Industrie in Bewegung zu erleben, einige interessante Entwicklungen zu sehen und ein bisschen mehr Branchen-Spirit einzuholen. Als EB-Rookie fiel mir aber auf, wie viele Unternehmen mir komplett unbekannt waren. Und dass der Vibe eher gedämpft war, fast schon ein „schade, dass du die guten Zeiten nicht mehr erlebt hast“. Schön, einmal dabei gewesen zu sein, auch wenn die Zukunft der Eurobike vage bleibt.
Seit ich 2018 meine erste Eurobike in Friedrichshafen besucht habe, hat sich viel verändert. Von der pulsierenden Energie einer geschäftigen Bike-Industrie, die damals allgegenwärtig war, war dieses Jahr in Frankfurt nicht mehr viel zu spüren. Trotz der Reduzierung auf nur noch drei Messehallen präsentierten sich diese dünn besiedelt und luftig. So fühlte sich die Eurobike 2026 eher wie ein Abgesang als wie ein Aufbruch an. Wo viel Schatten ist, blitzt aber auch Licht auf. Canyon meldete sich mit zahlreichen Innovationen und einem durchweg gelungenen Stand auf der Messe zurück. Im E-Bike-Bereich wurden mit den Getriebe-Motoren von Gobao und Avinox zwei echte Innovationskracher vorgestellt, die die Zukunft der Bike-Industrie prägen könnten. Ob diese Zukunft dann noch eine Eurobike mit ihrer ehemaligen Relevanz beinhaltet? Aktuell ist das nicht vorstellbar. Es ist schade, dass die europäische Leitmesse der Branche in der Belanglosigkeit zu versinken scheint.
Auch wenn schon vorab bekannt war, dass auf der Eurobike deutlich weniger Aussteller ihre Produkte vorstellen würden als noch 2025. Der erste Eindruck vor Ort war dennoch ernüchternd und vielleicht auch ein klein wenig traurig. Die „Haupthallen“ 11 und 12 waren nicht einmal voll belegt, dazu gab es die Produkte statt auf zwei nur auf einer Ebene pro Halle zu bestaunen.
Das gleiche Bild im Außenbereich: Weniger Stände und eine überschaubare Zahl an Besuchern, die auf dem angelegten Kurs ihre Runden drehen.Gobao, Avinox und Canyon stellten wohl die Highlights dieser Eurobike. Im Mittelpunkt, ganz klar, E-MTB-Antriebsinnovationen aus Fernost. Man kann für Firmen wie bspw. Bosch nur hoffen, dass hier zeitnah nachgezogen wird, denn die Zukunft des E-Bike-Marktes wird aktuell in China geschrieben. Traurig, aber wahr: Bio-Bikes, Pedal-Bikes oder einfach Mountainbikes verschwinden immer mehr von der Ausstellungsfläche der Eurobike. Canyon hielt hier mit deren futuristischer XC-/Marathon-Konzeptstudie die MTB-Fahne hoch und präsentierte neben Gravel- und E-MTB-Neuheiten immerhin auch ein unmotorisiertes Geländerad für die Zukunft.
Mein Gefühl sagt, 2027 wird die Eurobike nicht wie kürzlich verkündet im September stattfinden, um danach für ein Jahr zu pausieren. Auch weil die neue „European Bike Show“ nur wenige Tage nach dem Eurobike-Termin stattfinden soll. Meiner Meinung nach wird es nächstes Jahr keine Eurobike geben … vorerst.
Vor 10 Jahren war ich das erste Mal als Redakteur auf der Eurobike. Seitdem war ich auch mit anderem Auftrag auf der Messe: Sowohl die Perspektive als Aussteller als auch die des Einkäufers habe ich seitdem erlebt. Schon letztes Jahr habe ich mich sehr intensiv mit der enttäuschenden 2025-Ausgabe auseinandergesetzt – dieses Jahr bin ich mit einer ganz anderen Erwartungshaltung auf die Messe gekommen: Menschen treffen, Gespräche führen – genau dafür bot die Messe aufgrund des zurückhaltenden Charakters viel Platz. Bereits am ersten Tag habe ich viele ehemalige Lieferanten, Kunden, Freunde und Bekannte aus der Branche getroffen – auf den Gängen, zwischen den Ständen. Und genau hier hat die Messe für mich stattgefunden. Eine Messe der Zwischentöne, eine Messe mit qualitativ hochwertigen Gesprächen und weniger Quantität. Ob es das ist, was Messe-Chef Philipp Ferger mit der diesjährigen Positionierung des Übergangsjahres meint? Für mich zeigt das aber klar und deutlich: Es braucht den Treffpunkt, das alte Format hat nun aber über Jahre eindrucksvoll bewiesen, dass es überholt ist: Handel, Brands, OEMs und Produzenten – entlang der Wertschöpfungskette hat eine Evolution stattgefunden. Auf diesem neuen Spielfeld muss die Messe jetzt Basisarbeit machen: Zielgruppenbedürfnisse sehen, verstehen und ein Konzept erstellen, das diese berücksichtigt. Keine einfache Aufgabe.
Diese Eurobike hat mich zwiegespalten zurückgelassen.
Der Tiefpunkt kam schon vorab: die hart formulierte ZIV-Mail kurz vor Messestart. Sonderbarer Stil, prompt kursierten Gerüchte, wer wen gerade verklagt. Mit zwei konkurrierenden Messen nacheinander wird eine Weltleitmesse so nicht mehr in Deutschland stattfinden, schade.Der Mittwoch war ernüchternd: leere Gänge, teils noch im Aufbau. Puh.
Produktseitig hat sich der Weg gelohnt — meine Highlights: die neuen Antriebe von Avinox und Gobao, Canyons Konzeptbikes und die Trendlounge „Größenwahn“, erstmals zentral platziert. Wer da war, lieferte und bekam spürbar viel Aufmerksamkeit.
Für uns als Redaktion war es die angenehmste Messe ever: kein Gedränge, viele Zufallsbegegnungen, Ansprechpartner mit echter Zeit für Gespräche, kurze Wege.
Trotzdem — tragfähig ist das auf Dauer so nicht. Fast alle relevanten Firmen waren da, viele ohne Stand, einige dafür mit „Hausmessen“ in der Umgebung. Die Branche braucht weiter einen Treffpunkt. Nur ist „Messe“ im alten Format nicht mehr das richtige Werkzeug dafür.
Trotz Highlights am Wendepunkt?
Ganz ohne Highlights war die Eurobike 2026 allerdings keineswegs. Wer genauer hinsah, entdeckte zahlreiche spannende Entwicklungen, die vielleicht nicht die ganz große Bühne bekamen, aber durchaus Potenzial besitzen. Eine clevere Zusatz-Zweigangschaltung für Bikes mit Nabenschaltung oder den stylischen Singlespeeder gehörte ebenso dazu wie neue E-MTBs von Canyon, Raymon, Rotwild und Steppenwolf oder eine ganze Batterie an neuen und erschwinglichen Rennrädern, die den alteingesessenen Brands die Schweißperlen auf die Stirn treiben dürften.
Ergo: Innovation war also durchaus vorhanden – und auch eine besondere Dynamik: Mit den neuen Systemen von Gobao und Avinox wird deutlich, wohin die Reise in den kommenden Jahren gehen könnte: mehr Leistung, intelligentere Integration und neue technische Ansätze. Aber auch neue Player, deren Marktmacht und Potenzial wir bisher kaum einschätzen können: Avinox’ Vorstellung des MG Concepts wirkte eher wie eine Last-Minute-Reaktion auf Gobaos Motor-Neuvorstellung. Neben dieser Dynamik und den wenigen Highlights gab es aber wenig, was die Aufmerksamkeit wirklich fesselte.
Die Eurobike befindet sich an einem Wendepunkt. Das weiß sie selbst – man will nach dem Führungswechsel zum Jahresbeginn 2026 als Übergangsjahr wieder angreifen und daran festhalten, die Leitmesse zu bleiben. 2027 dürfte deshalb richtungsweisend werden – vielleicht sogar entscheidend für die Ausrichtung am Messestandort Frankfurt. Denn eine Leitmesse lebt nicht von ihrem Namen. Sie lebt von den Ausstellern, den Innovationen, den Besucherinnen und Besuchern und dem Gefühl, dass die gesamte Branche an einem Ort zusammenkommt.
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